| LITAUEN Obwohl bekannt ist, dass die Juden bereits im 8. Jh. in Litauen
ansässig waren, begann die eigentliche Bedeutung der jüdische Bevölkerung Litauens erst
mit der Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453. Die Juden gelangten in
Polen und Litauen zu grossen wirtschaftlichen Erfolgen, und dadurch kam es im Jahre 1485
erstmals zu grossen Spannungen. 1495 erfolgte ein Dekret (Ausweisungserlass) zur
Ausweisung der Juden aus dem gesamten litauischen Herrschaftsbereich, welches allerdings
im Jahre 1503 unter Alexander - infolge der leeren Staatskasse und des bevorstehenden
Krieges mit Russland - wieder aufgehoben wurde. Die rasche Entwicklung des jüdischen
Geschäftslebens in Polen und Litauen führte zu immer grösseren Ausschreitungen und
Spannungen. Gegen Ende des 17. Jh. richtete sich ein immer stärker werdender
Bevölkerungsteil gegen die wirtschaftliche Vormachtstellung der Juden, was 1764 zum Ende
der etwa zweihundert-jährigen jüdischen Selbstverwaltung führte.
In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit Litauens im Jahre
1918 genossen die Juden noch beachtliche Privilegien, vor allem eine kulturelle Autonomie.
So hatten die Juden ihr eigenes hebräisches und jiddisches Schulsystem, das Recht auf
freie Benützung ihrer Sprache, das Recht auf Sabbatobservanz sowie die Gleichstellung der
Rabbiner mit allen anderen Geistlichen. Es existierte sogar ein Ministerium für jüdische
Angelegenheiten, welches von dem Zionisten Max Soloweitschik aus Kauna geleitet wurde und
die jüdischen Parteien bildeten einen "Nationalrat". 1924, als die jüdische
Gemeindeverwaltung infolge dem Erstarken der nationalistischen Partei unter staatliche
Aufsicht kam, wurde dieses Amt sowie der Nationalrat aufgelöst und die jüdische
Autonomie für innere Angelegenheiten wurde drastisch eingeschränkt.
Durch die Schreckensherrschaft des II. Weltkrieges ist das
jüdische Leben Litauens weitgehend verschwunden und von den ehemals über 200'000 Juden
leben heute in Litauen nur noch 5'500 jüdische Menschen. Trotz der Emigration der Juden
aus den baltischen Staaten versuchen die wenigen Überlebenden des Holocaust die
Mosaiksteine der jüdischen Kultur zusammenzutragen. Im litauischen Telsiai besteht ein
Projekt die im Jahre 1873 eröffnete Yeshiva wieder aufzubauen. Das Gebäude des
jüdischen Museums in Vilnius, welches von der Regierung unterstützt wird, beherbergt
eine ständige Sammlung mit Erinnerungsstücken der ehemaligen Grossen Synagoge.
Von der einst durch den Gaon von Wilna (Elijahu ben
Schelomo Zalman, 1720-1797), dem grössten talmudischen Denker des 18. Jh. und erklärten
Gegner des Chassidismus, geprägten Stadt mit ihren über hundert Synagogen (Vilnius wurde
auch das "litauische Jerusalem" genannt) ist lediglich eine Synagoge erhalten
geblieben.
Im nahe gelegenen Trakai existieren noch alte
Holzhäuser einer ehemaligen Karäersiedlung (einer jüdischen Sekte, welche sich
ausschliesslich zum Text der Schrift bekannte und den Talmud kategorisch ablehnte) sowie
eine Kenesa (Synagoge).
LETTLAND
Die Geschichte der Juden in Lettland hat sich
unterschiedlich entwickelt. Während die jüdische Bevölkerung in den Provinzen Kurland
(Kurzeme) und Semgallen (Zemgale) auch nach der Einverleibung in das russische Reich im
Jahre 1795 weitgehend ihre Eigenständigkeit behielten, war es den Juden in der Provinz
Livland mit ihrem Zentrum in Riga laut Kapitulationsurkunde, die 1561 zwischen Sigismund
II. August, dem König von Polen, und dem Grossmeister des livonischen Ordens
unterzeichnet wurde, nicht gestattet, irgendwelchen Handel zu treiben oder Abgaben oder
Zölle zu erheben.
Erst um die Mitte des 17. Jh. trafen die ersten
jüdischen Kaufleute aus Polen und Litauen in Riga ein. Obwohl es ihnen nicht erlaubt war
sich in Riga ständig anzusiedeln, lebten in Riga 1645 20 Juden, 1728 waren es 60. Erst
1785 unter Katharina der Grossen kam es zur Gründung der ersten jüdischen Gemeinde in
Livland und 1822 erlaubte der Generalgouverneur von Riga, Marquis Paulucci, den Juden in
Riga zu wohnen und Handel und Gewerbe zu treiben. Gleichzeitig aber wurde den Juden der
Aufenthalt in anderen Städten verboten. Erst die demissionierten jüdischen Soldaten aus
der Armee Zar Nikolaus I. erhielten um Mitte des 19. Jh. das Recht, sich aus-serhalb des
Ansiedlungsrayons niederzulassen. Sie bildeten den Anfang der jüdischen Gemeinden in
Lettland, Estland und Finnland. Die Juden verliessen das Ghetto und liessen sich in den
Städten nieder. 1840 wurde die erste jüdische Schule eröffnet und im Jahre 1905 die
eindrückliche "Peitav-Shul" - welche den Nazi-Terror überlebte -
fertiggestellt.
Im Jahre 1935 lebten über 43'000 Juden in Riga. Als die rote
Armee 1944 aber Livland befreite, gab es in ganz Lettland nur noch 300 jüdische
Überlebende.
ESTLAND
In Estland hat es bis zur Mitte des 19. Jh.
keine feste jüdische Gemeinde gegeben. Estnische Quellen aus dem 14. Jh. erwähnen zwar
einzelne Juden (so den Bäcker Johannes Jode aus Reval, 1343), und man findet immer wieder
Hinweise auf jüdische Gold- und Silberschmiede. Erst im Jahre 1865 erliess Zar Alexander
II ein Gesetz, welches Juden mit Hochschulbildung das Recht zusprach, sich in Estland
niederzulassen. Die erste jüdische Gemeinde entstand in Tallinn (Reval), wo 1883 die
erste Synagoge gebaut wurde. Die zweite Synagoge folgte in Tartu (Dorpat) im Jahre 1901.
Obwohl es in der Zwischenkriegszeit judenfeindliche Strömungen gab, gab es in Estland
keinen öffentlichen Antisemitismus.
Beim Einmarsch der Deutschen im Jahre 1941 lebten in Estland
etwa 4'500 Juden. Etwa 1000 Menschen überlebten den Holocaust. Noch rund 1'500 Juden
leben heute in Estland, wovon ca. 1'200 in der Hauptstadt Tallinn. Trotz regem jüdischen
Leben (jüdisches Gymnasium, Studentenverband, Makkabi und WIZO) fehlt aber heute immer
noch an ein Rabbiner und eine Synagoge.


 [Reiseprogramm]
Vom 24.August '99 bis 5.September '99 bieten wir , unter der
Leitung von Prof. Dr. Stefan Schreiner, Institutum Judaicum der Universität Tübingen,
eine Kulturreise 'Juden im Baltikum: Estland, Lettland, Litauen - Auf den Spuren der
Karäer' an.
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