Es gibt wenige Orte auf der Welt, deren Namen allein so viele
Emotionen auslöst wie Israel. Israel ist nicht nur der Name eines Landes und eines
kleinen Staates im Nahen Osten, er ist auch der Name eines Volkes, das eine über 4.000
jährige Geschichte geschrieben hat und immer noch schreibt. Eine Geschichte, in der das
Ringen um ethische Werte, um Lebenssinn und um Transzendenz eine wesentliche Rolle spielt.
Israel ist daher nicht nur ein nationales Konzept, sondern auch ein Begriff, der
mit der menschlichen Sehnsucht nach Transzendenz schlechthin zu tun hat. Juden, Christen
und Moslems haben auf ihre eigene Weise eine tiefe Verbindung mit diesem Land.
Israel ist einerseits das Land, in dem Menschen nach Transzendenz suchen und ihr
auch begegnen. Von dieser Begegnung zeugt das am häufigsten übersetzte Buch der Welt -
die Bibel - welches zum grössten Teil in diesem Land geschrieben wurde, und dessen
geographische und klimatische Begebenheiten immer als Herausforderung für religöses
Denken und Fühlen empfunden wurden.
Israel ist andererseits heute ein junger, moderner und dynamischer Staat, der
innerhalb von nur 50 Jahren den Anschluss an die hochtechnologische Gesellschaft des
Westens geschaffen hat. In der gleichen Zeit hatte es 5 Kriege mit seinen arabischen
Nachbarstaaten zu bewältigen und sah sich mit der Aufgabe konfrontiert, Menschen, die aus
den verschiedensten Ländern und Kulturkreisen in das Land ihrer Sehnsüchte einwanderten,
zu integrieren.
Die Einsicht, dass eine Koexistenz zwischen Israel und dem palästinensischen
Volk im Interesse der wirtschaftlichen und sozialen Zukunft der ganzen Region gesucht
werden muss, fand im Osloer Vertrag von 1993 seinen Ausdruck. Die seither intensiv
geführten Gespräche zwischen Israel und seinen Nachbarn, insbesondere den
Palästinensern und das Ringen um einen dauerhaften Frieden stellt eine neue, zusätzliche
Herausforderung für den Staat Israel dar. In den letzten Jahren hat sich immer mehr
gezeigt, dass die Realisierung eines dauerhaften Friedens - je nach eingenommener Optik -
eine äusserst komplexe und die bisher schwierigste Aufgabe ist, mit der Israel seit der
Staatsgründung konfrontiert wurde.
Nebst den sozialen und ethnischen Konflikten zwischen Sefaradim und Aschkenasim
treten die Spannungen zwischen säkulären und religiösen Gruppierungen immer stärker an
die Oberfläche.
Welche Bedeutung wird die jahrtausendjährige Geschichte des jüdischen Volkes
mit ihren kulturellen, religiösen sowie mystischen Inhalten haben, um die vielschichtigen
Probleme Israels des 21.Jahrhunderts zu lösen?
Wir begegnen Israel nicht wirklich, wenn wir es als gewöhnlicher Tourist
bereisen, sondern nur, wenn wir verstehen lernen, welche kulturelle, ethische und
religiöse Wurzeln uns mit diesem Land verbinden. Denn nur, wer Israel von innen her
begegnet, begegnet auch sich selbst.