Juden in der Ukraine

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Juden in der Ukraine:
IM LAND AN DER GRENZE

Auf den Spuren
des Ba'al Schem Tow

 

11. bis 25. Juni 2000 [Reiseprogramm]

"Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
Wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
Wir trinken und trinken
Wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng..."

(Paul Celan, "Todesfuge")

In Czernowitz, genannt auch das "Babylon des Südens" - über welches Otto von Habsburg einmal sagte, es sei ein gutes Beispiel einer Synthese zwischen nationalem Verständnis und europäischer Einstellung - entwickelte sich während den Zwischenkriegsjahren (1918-1944) eine Blütezeit deutsch-jüdischer Sprache und Kultur. Aufgrund der weitverzweigten Wurzeln der verschiedensten sich in Czernovitz niedergelassenen Kulturen, vermischt mit altjüdischem Volksgut, chassidischen Legenden, entstand ein "barockes" Sprachmilieu aus welchem eine grosse Zahl von jüdischen Dichtern, Schriftstellern und anderen Kulturschaffenden hervorgegangen sind. Paul Celan, Immanuel Weissglas, Rose Ausländer, Alfred Kittner, Moses Rosenkranz, Selma Meerbaum-Eisinger, ebenso wie der berühmte Geiger Nathan Milstein und andere.

Im Oktober 1941 wurde in Czernowitz das Ghetto errichtet und bald darauf begannen die Deportationen in die Konzentrationslager Transnistriens. So endete das Kapitel jüdischer Literatur in der Bukowina für viele mit dem Tod, für andere mit Gefangenschaft, Flucht und Emigration. Es bleibt die Erinnerung an einen magischen Ort.

Das jüdische Leben in Osteuropa ist weit über 1000 Jahre alt. Vermutlich noch lange vor den slawischen Stämmen sind die Juden bereits seit Ende des 7.Jh., von Byzanz kommend, in der Ukraine ansässig. Jüdisch-chasarische Siedlungen können bis ins 10.Jh. zurückverfolgt werden und das erste authentische Dokument aus dieser Zeit (Kiewer Brief), das in hebräisch verfasst wurde, stammt aus dem Jahre 930. Unter der Regierung des Fürsten Wladimir erlebte die "Kiewer Rus", welche sich als erstes russisches Staatswesen formierte, in den Jahren 980-1015 eine Blütezeit und mit den Juden entstand eine Bevölkerungsgruppe, welche aktiv am kulturellen sowie politischen Leben teilgenommen hat.

Die Schwächung Kiews als politisches und kulturelles Zentrum wurde durch den Tatareneinfall und durch die Eroberung weiter Gebiete durch die Mongolen unter Führung von Khan Batu beschleunigt. Aber auch in diesen Jahren vermochten die Juden Ihre Stellung weitgehend zu bewahren und erhielten Mitte des 14.Jh. - nach der Aufteilung des Fürstentums Galizien-Wolhynien auf Polen und Litauen - unter litauischer Herrschaft zusätzliche Lebens- und Eigentumsrechte. In vielen Orten entstanden jüdische Gemeinden. Die Juden wurden von den Grossgrundbesitzern als Pächter ihrer Güter eingesetzt. Durch diese Stellung wurden die Juden immer mehr Gegenstand des Hasses und vermehrt Opfer von Volksaufständen.

Im Jahre 1637 kam es zum Aufstand von Pawljuk und 1648 folgte der Kosakenaufstand angeführt von Bogdan Chmielnickis Horden, bei welchem mehr als 300.000 Juden ermordet und Hunderte von jüdischen Gemeinden vernichtet wurden. Die religiös geprägte jüdische Kultur und das gut ausgebaute jüdische Schulwesen in der Ukraine hatten durch die Massaker und die Vertreibungen von 1648 und der folgenden Kriegsjahre einen schweren Schlag erlitten. Zahlreiche Synagogen, Schulen und Bibliotheken waren verbrannt worden.

Lediglich in Galizien und Wolhynien hatte sich die jüdische Kultur teilweise erhalten können, so z.Bsp. die Yeshiwa in Lemberg. Dennoch verlagerte sich die traditionelle rabbinische Gelehrsamkeit infolge der Unruhen stärker in Richtung Polen/Litauen, vor allem nach Wilna. Erst nach einer weiteren Auseinandersetzung zwischen Chmielnicki und den Polen wurde in einem Abkommen im Jahre 1651 die Niederlassungsfreiheit der Juden sowie u.a. auch der Besitz von Land garantiert. 1660, kam es zu der Teilung der Ukraine in den westlichen Teil (westlich des Dnjepr), welcher Polen und den östlichen Teil, welcher Moskau zugesprochen wurde. Bald folgten wieder kriegerische Auseinandersetzungen unter Iwan Mazepa (1687-1709), welcher zusammen mit den Schweden gegen Moskau (Zar Peter der Grosse) kämpfte, sich aber nach einer entscheidenden Schlacht im Jahre 1709 in die Westukraine zurückziehen musste. Als Folge wurden die Juden wieder aus den grösseren Städten vertrieben. So mussten die Juden auch Kiew verlassen, da Kiew wieder unter moskauer Herrschaft gekommen war (erst im Jahre 1793 wurde die jüdische Gemeinde in Kiew wieder ins Leben gerufen).

Die Juden in der Ukraine, in Podolien, Galizien und Wolhynien rückten Anfangs des 18. Jh. mehr und mehr von der strikten Talmudlehre ab und wandten sich mit grosser Intensität der Kabala und der messianischen Lehre zu. So nahm die beinahe volkstümliche Bewegung des Chassidismus ihren Anfang, bevor sie sich nach Polen ausbreitete. Es war die Zeit des legendären Israel ben Elieser Ba'al Schem Tow (1700-1760) und seines Urenkels Nachman ben Simcha aus Brazlaw (1772-1811).

Eliezer Ba'al Schem Tow lebte bis zu seinem dreiunddreissigsten Jahr in grosser Armut und studierte heimlich die Kabbala. Er lehrte die Notwendigkeit der innigen Hingabe bei der Befolgung der Gebete und der Verbindung mit G'tt im Gebet, die Bedeutung der Freude im G'ttesdienst, der unbeschränkten Nächstenliebe sowie des einfachen, durch keine der traditionellen Begründungen gestützten Glaubens. Das Wichtigste war nicht Kenntnis und Gelehrsamkeit der heiligen Schrift, sondern das Verhältnis des Menschen zu G'tt. Mit seiner Lehre fand er tausende von Anhängern, welche in der leidenschaftslosen Gelehrsamkeit der Rabbiner keine Befriedigung fanden.

Viele Rabbiner standen dem Chassidismus jedoch feindlich gegenüber. Rabbi Chajim Rappaport aus Lemberg nannte den Ba'al Schem Tow einen Scharlatan und 1772 exkommunizierten viele Gemeinden die Chassidim. Einer ihrer heftigsten Gegener war Rabbi Elija, der Wilnaer Ganon (der die "oberflächlichen Talmudakrobaten" hasste), wobei die Chassidim ihrerseits den Führer der Wilnaer Gemeinde verleumdeten. Im Jahre 1740 liess sich der Ba'al Schem Tow bis zu seinem Tode in Medziboz in Podolien nieder, welche das eigentliche Zentrum der chassidischen Bewegung wurde. Nach seinem Tode entstanden weitere Zentren und es gab viele bedeutende Zaddikim, welche die Lehre des Chassidismus verbreiteten - unter ihnen Rabbi Dov-Baer von Mesiritsch (der eigentliche Nachfolger des Ba'al Schem Tow), Rabbi Levi Jizchak von Berditschew ("der Berdyezewer"), Rabbi Nachman von Brazlaw sowie Rabbi Schneur Salman von Ladi, der eigentliche Begründer der Chabad-Bewegung.

Ende des 18. Jh. lebten in der gesamten Ukraine etwa 260.000 Juden, davon ca. 32.000 in Kiew. Das jüdische Leben gedeihte und viele Städte beherbergten bedeutende Zentren rabbinischer Gelehrsamkeit. Das orthodoxe Rabbinertum, der volkstümliche mystische Chassidismus und die jüdische Aufklärung (Haskalah) standen im 19. Jh. als wichtigste miteinander konkurrierende Grundrichtungen nebeneinander.

Die jüdische Literatur nahm einen neuen Aufschwung, sowohl in hebräischer als auch in jiddischer Sprache (da die ukrainische Sprache infolge der russischen Besetzung der gesamten Ukraine verboten wurde). Bekannt wurden der lange in Odessa lebende hebräische Dichter Chaim Nachman Bialik sowie der in Odessa aufgewachsene Isaak Babbel, der berühmte jiddische Erzähler Scholem Alejchem, oder der aus dem galizischen Brody stammende Joseph Roth und der spätere Nobelpreisträger und hebräische Schriftsteller Samuel Josef Agnon, der im Jahre 1888 in Buczazc (Galizien) geboren wurde und mit zwanzig Jahren nach Palästina auswanderte. Berühmte Namen wie Bruno Schultz (geboren 1892 in Drogobytsch), der sich als Zeichenlehrer und vor allem als Schriftsteller ("Die Zimtläden") verdient gemacht hatte und 1942 von einem Deutschen auf der Strasse erschossen wurde. Golda Meir, geboren 1898 in Kiev, welche 1906 in die USA und im Jahre 1921 nach Palästina auswanderte und 1969-74 Ministerpräsidentin des Staates Israel war, sowie der berühmte Nazijäger Simon Wiesenthal (geboren 1908 in Buczazc), der auf seinem Leidensweg 12 KZs besuchte und schliesslich im Mai 1945 in Mauthausen befreit wurde sind für die Geschichte der Juden in der Ukraine unvergesslich. Auch die Nacherzählungen der chassidischen Überlieferungen von Martin Buber, der ein Grossteil seiner Jugend bei seinem Onkel, dem bekannten Midrasch-Forscher Salomon Buber in Lemberg verbrachte, haben einen bedeutenden Beitrag zur Entdeckung der ostjüdischen Spiritualität beigetragen.

Im Jahre 1908 fand in Czernowitz die 1. jüdische Sprachkonferenz statt, an welcher Jiddisch offiziell als die zweite Sprache des jüdischen Volkes definiert wurde. Im Februar des Jahres 1917 wurde Zar Nikolaus II., welcher von Judenhass erfüllt war, gestürzt und das russische Reich begann zu zerfallen. Während des folgenden Bürgerkrieges wurden mindestens 30.000 Juden getötet, erheblich mehr wurden verwundet oder verloren ihren Besitz. Die Verfolgungen endeten mit der Vertreibung der Juden aus Galizien und der Bukowina. Tausende von Juden flüchteten nach Wien und Warschau. Zu Beginn der zwanziger Jahre lebten in Wien über zweihunderttausend, in Warschau mehr als dreihunderttausend Juden. Doch auch das jüdische Leben in der Ukraine und im speziellen in Kiew, Czernowitz und Lemberg ging weiter und blühte. Yiddische Schulen, Theater, Zeitungen und Verlagshäuser wurden gegründet, in Kiew eröffnete das "Institut der jüdisch-proletarischen Kultur " seine Aktivitäten, und es entstanden die ersten nationalen jüdischen Kolchosen. Doch 1938, unter der Stalin-Ära, wurden fast alle jüdischen Einrichtungen liquidiert und sämtliche religiösen wie auch zionistischen Ausübungen unterbunden und die Juden mit Arrest bestraft.

Am 22. Juni 1941 marschierten die Deutschen in die Sowjetunion ein und hatten bis September 1941 einen grossen Teil der Ukraine besetzt. Ein halbes Jahr später war die Mehrzahl der ukrainischen Juden vernichtet. Auch im östlichen, rumänisch besetzten, Podolien, führten rumänische Strafeinheiten "Säuberungsaktionen" durch, welchen tausende von Juden zum Opfer fielen. Insgesamt wurde mehr als die Hälfte des ukrainischen Judentums vernichtet, und obwohl die nach dem Zweiten Weltkrieg in ihre alte Heimat zurückkehrenden Juden das jüdische Leben und die vernichtete Kultur wieder aufzubauen versuchten, bestehen bis heute in diesem Land nur noch Bruchstücke und die Verluste an kulturellen Werten werden für immer unersetzbar bleiben.

Heute leben in der Ukraine etwa 310.000 Juden. Es gibt 78 jüdische Schulen in 45 Städten, wovon 13 Tagesschulen und an der Internationalen Solomon Universität in Kiew existiert wieder eine Abteilung für jüdische Kultur und Geschichte. Neben verschiedenen jüdischen Zeitschriften und Magazinen, einem jiddischen Fernsehprogramm mit dem Namen "Yahad" prägen Menschen, wie der bekannte jiddische Schriftsteller Josef Burg, der heute noch in Czernowitz lebt, das moderne jüdische Leben in der Ukraine.


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