In Czernowitz, genannt auch das "Babylon des Südens"
- über welches Otto von Habsburg einmal sagte, es sei ein gutes Beispiel einer Synthese
zwischen nationalem Verständnis und europäischer Einstellung - entwickelte sich während
den Zwischenkriegsjahren (1918-1944) eine Blütezeit deutsch-jüdischer Sprache und
Kultur. Aufgrund der weitverzweigten Wurzeln der verschiedensten sich in Czernovitz
niedergelassenen Kulturen, vermischt mit altjüdischem Volksgut, chassidischen Legenden,
entstand ein "barockes" Sprachmilieu aus welchem eine grosse Zahl von jüdischen
Dichtern, Schriftstellern und anderen Kulturschaffenden hervorgegangen sind. Paul Celan,
Immanuel Weissglas, Rose Ausländer, Alfred Kittner, Moses Rosenkranz, Selma
Meerbaum-Eisinger, ebenso wie der berühmte Geiger Nathan Milstein und andere.
Im Oktober 1941 wurde in Czernowitz das Ghetto errichtet und
bald darauf begannen die Deportationen in die Konzentrationslager Transnistriens. So
endete das Kapitel jüdischer Literatur in der Bukowina für viele mit dem Tod, für
andere mit Gefangenschaft, Flucht und Emigration. Es bleibt die Erinnerung an einen
magischen Ort.
Das jüdische Leben in Osteuropa ist weit über 1000 Jahre alt.
Vermutlich noch lange vor den slawischen Stämmen sind die Juden bereits seit Ende des
7.Jh., von Byzanz kommend, in der Ukraine ansässig. Jüdisch-chasarische
Siedlungen können bis ins 10.Jh. zurückverfolgt werden und das erste
authentische Dokument aus dieser Zeit (Kiewer Brief), das in hebräisch verfasst wurde,
stammt aus dem Jahre 930. Unter der Regierung des Fürsten Wladimir erlebte die "Kiewer Rus", welche sich als
erstes russisches Staatswesen formierte, in den Jahren 980-1015 eine Blütezeit und mit
den Juden entstand eine Bevölkerungsgruppe, welche aktiv am kulturellen sowie politischen
Leben teilgenommen hat.
Die Schwächung Kiews als politisches und kulturelles Zentrum
wurde durch den Tatareneinfall und durch die Eroberung weiter Gebiete durch die Mongolen
unter Führung von Khan Batu beschleunigt. Aber auch in diesen Jahren vermochten die Juden
Ihre Stellung weitgehend zu bewahren und erhielten Mitte des 14.Jh. - nach der Aufteilung
des Fürstentums Galizien-Wolhynien auf Polen und Litauen - unter litauischer Herrschaft
zusätzliche Lebens- und Eigentumsrechte. In vielen Orten entstanden jüdische Gemeinden.
Die Juden wurden von den Grossgrundbesitzern als Pächter ihrer Güter eingesetzt. Durch
diese Stellung wurden die Juden immer mehr Gegenstand des Hasses und vermehrt Opfer von
Volksaufständen.
Im Jahre 1637 kam es zum Aufstand von Pawljuk und 1648 folgte
der Kosakenaufstand angeführt von Bogdan Chmielnickis Horden, bei welchem mehr als
300.000 Juden ermordet und Hunderte von jüdischen Gemeinden vernichtet wurden. Die
religiös geprägte jüdische Kultur und das gut ausgebaute jüdische Schulwesen in der
Ukraine hatten durch die Massaker und die Vertreibungen von 1648 und der folgenden
Kriegsjahre einen schweren Schlag erlitten. Zahlreiche Synagogen, Schulen und Bibliotheken
waren verbrannt worden.
Lediglich in Galizien und Wolhynien hatte sich die jüdische
Kultur teilweise erhalten können, so z.Bsp. die Yeshiwa in Lemberg. Dennoch verlagerte
sich die traditionelle rabbinische Gelehrsamkeit infolge der Unruhen stärker in Richtung
Polen/Litauen, vor allem nach Wilna.
Erst nach einer weiteren Auseinandersetzung zwischen Chmielnicki und den Polen wurde in
einem Abkommen im Jahre 1651 die Niederlassungsfreiheit der Juden sowie u.a. auch der
Besitz von Land garantiert. 1660, kam es zu der Teilung der Ukraine in den westlichen Teil
(westlich des Dnjepr), welcher Polen und den östlichen Teil, welcher Moskau zugesprochen
wurde. Bald folgten wieder kriegerische Auseinandersetzungen unter Iwan Mazepa
(1687-1709), welcher zusammen mit den Schweden gegen Moskau (Zar Peter der Grosse)
kämpfte, sich aber nach einer entscheidenden Schlacht im Jahre 1709 in die Westukraine
zurückziehen musste. Als Folge wurden die Juden wieder aus den grösseren Städten
vertrieben. So mussten die Juden auch Kiew verlassen, da Kiew wieder unter moskauer
Herrschaft gekommen war (erst im Jahre 1793 wurde die jüdische Gemeinde in Kiew wieder
ins Leben gerufen).
Die Juden in der Ukraine, in Podolien, Galizien und Wolhynien
rückten Anfangs des 18. Jh. mehr und mehr von der strikten Talmudlehre ab und wandten
sich mit grosser Intensität der Kabala und der messianischen Lehre zu. So nahm die
beinahe volkstümliche Bewegung des Chassidismus
ihren Anfang, bevor sie sich nach Polen ausbreitete. Es war die Zeit des legendären
Israel ben Elieser Ba'al Schem Tow (1700-1760) und seines Urenkels Nachman ben Simcha aus
Brazlaw (1772-1811).
Eliezer Ba'al Schem Tow lebte bis zu seinem dreiunddreissigsten
Jahr in grosser Armut und studierte heimlich die Kabbala. Er lehrte die Notwendigkeit der
innigen Hingabe bei der Befolgung der Gebete und der Verbindung mit G'tt im Gebet, die
Bedeutung der Freude im G'ttesdienst, der unbeschränkten Nächstenliebe sowie des
einfachen, durch keine der traditionellen Begründungen gestützten Glaubens. Das
Wichtigste war nicht Kenntnis und Gelehrsamkeit der heiligen Schrift, sondern das
Verhältnis des Menschen zu G'tt. Mit seiner Lehre fand er tausende von Anhängern, welche
in der leidenschaftslosen Gelehrsamkeit der Rabbiner keine Befriedigung fanden.
Viele Rabbiner standen dem Chassidismus jedoch feindlich
gegenüber. Rabbi Chajim Rappaport aus Lemberg nannte den Ba'al Schem Tow einen Scharlatan
und 1772 exkommunizierten viele Gemeinden die Chassidim. Einer ihrer heftigsten Gegener
war Rabbi Elija, der Wilnaer Ganon (der die "oberflächlichen Talmudakrobaten"
hasste), wobei die Chassidim ihrerseits den Führer der Wilnaer Gemeinde verleumdeten. Im
Jahre 1740 liess sich der Ba'al Schem Tow bis zu seinem Tode in Medziboz in Podolien
nieder, welche das eigentliche Zentrum der chassidischen Bewegung wurde. Nach seinem Tode
entstanden weitere Zentren und es gab viele bedeutende Zaddikim, welche die Lehre des
Chassidismus verbreiteten - unter ihnen Rabbi Dov-Baer von Mesiritsch (der eigentliche
Nachfolger des Ba'al Schem Tow), Rabbi Levi Jizchak von Berditschew ("der
Berdyezewer"), Rabbi Nachman von Brazlaw
sowie Rabbi Schneur Salman von Ladi, der eigentliche Begründer der Chabad-Bewegung.
Ende des 18. Jh. lebten in der gesamten Ukraine etwa 260.000
Juden, davon ca. 32.000 in Kiew. Das jüdische Leben gedeihte und viele Städte
beherbergten bedeutende Zentren rabbinischer Gelehrsamkeit. Das orthodoxe Rabbinertum, der
volkstümliche mystische Chassidismus und die jüdische Aufklärung (Haskalah) standen im
19. Jh. als wichtigste miteinander konkurrierende Grundrichtungen nebeneinander.
Die jüdische Literatur nahm einen neuen Aufschwung, sowohl in
hebräischer als auch in jiddischer Sprache (da die ukrainische Sprache infolge der
russischen Besetzung der gesamten Ukraine verboten wurde). Bekannt wurden der lange in
Odessa lebende hebräische Dichter Chaim Nachman Bialik sowie der in Odessa aufgewachsene
Isaak Babbel, der berühmte jiddische Erzähler Scholem Alejchem, oder der aus dem
galizischen Brody stammende Joseph Roth und der spätere Nobelpreisträger und hebräische
Schriftsteller Samuel Josef Agnon, der im Jahre 1888 in Buczazc (Galizien) geboren wurde
und mit zwanzig Jahren nach Palästina auswanderte. Berühmte Namen wie Bruno Schultz
(geboren 1892 in Drogobytsch), der sich als Zeichenlehrer und vor allem als Schriftsteller
("Die Zimtläden") verdient gemacht hatte und 1942 von einem Deutschen auf der
Strasse erschossen wurde. Golda Meir, geboren 1898 in Kiev, welche 1906 in die USA und im
Jahre 1921 nach Palästina auswanderte und 1969-74 Ministerpräsidentin des Staates Israel
war, sowie der berühmte Nazijäger Simon Wiesenthal (geboren 1908 in Buczazc), der auf
seinem Leidensweg 12 KZs besuchte und schliesslich im Mai 1945 in Mauthausen befreit wurde
sind für die Geschichte der Juden in der Ukraine unvergesslich. Auch die Nacherzählungen
der chassidischen Überlieferungen von Martin Buber, der ein Grossteil seiner Jugend bei
seinem Onkel, dem bekannten Midrasch-Forscher Salomon Buber in Lemberg verbrachte, haben
einen bedeutenden Beitrag zur Entdeckung der ostjüdischen Spiritualität beigetragen.
Im Jahre 1908 fand in Czernowitz die 1. jüdische
Sprachkonferenz statt, an welcher Jiddisch
offiziell als die zweite Sprache des jüdischen Volkes definiert wurde. Im Februar des
Jahres 1917 wurde Zar Nikolaus II., welcher von Judenhass erfüllt war, gestürzt und das
russische Reich begann zu zerfallen. Während des folgenden Bürgerkrieges wurden
mindestens 30.000 Juden getötet, erheblich mehr wurden verwundet oder verloren ihren
Besitz. Die Verfolgungen endeten mit der Vertreibung der Juden aus Galizien und der
Bukowina. Tausende von Juden flüchteten nach Wien und Warschau. Zu Beginn der zwanziger
Jahre lebten in Wien über zweihunderttausend, in Warschau mehr als dreihunderttausend
Juden. Doch auch das jüdische Leben in der Ukraine und im speziellen in Kiew, Czernowitz
und Lemberg ging weiter und blühte. Yiddische Schulen, Theater, Zeitungen und
Verlagshäuser wurden gegründet, in Kiew eröffnete das "Institut der
jüdisch-proletarischen Kultur " seine Aktivitäten, und es entstanden die ersten
nationalen jüdischen Kolchosen. Doch 1938, unter der Stalin-Ära, wurden fast alle
jüdischen Einrichtungen liquidiert und sämtliche religiösen wie auch zionistischen
Ausübungen unterbunden und die Juden mit Arrest bestraft.
Am 22. Juni 1941 marschierten die Deutschen in die Sowjetunion
ein und hatten bis September 1941 einen grossen Teil der Ukraine besetzt. Ein halbes Jahr
später war die Mehrzahl der ukrainischen Juden vernichtet. Auch im östlichen, rumänisch
besetzten, Podolien, führten rumänische Strafeinheiten "Säuberungsaktionen"
durch, welchen tausende von Juden zum Opfer fielen. Insgesamt wurde mehr als die Hälfte
des ukrainischen Judentums vernichtet, und obwohl die nach dem Zweiten Weltkrieg in ihre
alte Heimat zurückkehrenden Juden das jüdische Leben und die vernichtete Kultur wieder
aufzubauen versuchten, bestehen bis heute in diesem Land nur noch Bruchstücke und die
Verluste an kulturellen Werten werden für immer unersetzbar bleiben.
Heute leben in der Ukraine etwa 310.000 Juden. Es gibt 78
jüdische Schulen in 45 Städten, wovon 13 Tagesschulen und an der Internationalen Solomon
Universität in Kiew existiert wieder eine Abteilung für jüdische Kultur und Geschichte.
Neben verschiedenen jüdischen Zeitschriften und Magazinen, einem jiddischen
Fernsehprogramm mit dem Namen "Yahad" prägen Menschen, wie der bekannte
jiddische Schriftsteller Josef Burg, der heute noch in Czernowitz lebt, das moderne
jüdische Leben in der Ukraine.